Datenauswertung, aktualisiert am 17. Juli 2026

Wie viel Konkurrenz hat eine öffentliche IT-Ausschreibung in Deutschland wirklich?

Geschrieben von Ravid Efroni, Gründer von Tendervane · aktualisiert 17. Juli 2026

Weniger, als die meisten glauben. In unserer Auswertung von 8.254 bezuschlagten Losen deutscher öffentlicher IT-Vergaben erhielten 40,5 Prozent genau ein Angebot. Der Europäische Rechnungshof hat gemessen, dass der Anteil der EU-Vergaben mit genau einem Bieter zwischen 2011 und 2021 von 23,5 auf 41,8 Prozent gestiegen ist. Und der Bund vergab im Herbst 2025 gleich zwei große IT-Rahmenvereinbarungen, auf die jeweils genau ein Angebot einging: den F5-Rahmen mit einem Höchstwert von 264 Millionen Euro und das Schwachstellenmanagement für den Bund mit einem Höchstwert von 218 Millionen Euro.

Anders gesagt: Überall dort, wo sich der Wettbewerb messen lässt, erhält ein erheblicher Teil der öffentlichen Vergaben nur ein einziges Angebot.

Vergabe des Bundes, 2025VolumenAngebote
Rahmenvereinbarung F5-Produkte, Beschaffungsamt des BMI264 Mio. € Höchstwertgenau 1
Schwachstellenmanagement für den Bund, Beschaffungsamt des BMI (ZIB), für das BSI218 Mio. € Höchstwertgenau 1
Software-Entwicklung Auswärtiges Amt, 4 Lose90,75 Mio. € Summe der Los-Höchstwerte4 / 5 / 12 / 8 je Los

Alle Angaben stammen aus den verlinkten Ergebnisbekanntmachungen im Bekanntmachungsservice des Bundes (oeffentlichevergabe.de) und wurden im Juli 2026 direkt gegen das amtliche XML der jeweiligen Bekanntmachung geprüft.

Die amtliche 20-Prozent-Quote erfasst solche Rahmenvereinbarungen nicht

Das EU-Binnenmarkt-Scoreboard weist für Deutschland 2024 einen Einzelbieter-Anteil von 20 Prozent aus; der EU-Vergleichswert liegt bei 28 Prozent. Die Kennzahl umfasst alle Branchen, zählt nur EU-weite Verfahren und schließt Rahmenvereinbarungen sowie Direktvergaben aus. Sie ist deshalb keine Einzelbieterquote für öffentliche IT und mit den drei Rahmenvereinbarungen oben nicht direkt vergleichbar. Der Europäische Rechnungshof kommt mit der längeren Messreihe zum unbequemeren Befund: EU-weit endeten 2021 deutlich mehr Verfahren mit nur einem Angebot als 2011.

Wie eng es speziell in der IT zugeht, haben wir für Deutschland selbst gemessen: In 8.254 bezuschlagten Losen deutscher IT-Vergaben (Haupt-CPV 48 und 72, EU-Verfahren, Januar 2024 bis Juli 2026) erhielten 40,5 Prozent genau ein Angebot. Der vollständige Rechenweg, Jahr für Jahr und nach Wertklassen, steht in unserem Bericht zur Ein-Angebots-Quote in der öffentlichen IT, einschließlich des Vergleichs mit den Niederlanden, die nach derselben Methode auf 37,7 Prozent kommen. Zahlen, die wir nicht selbst aus den amtlichen Bekanntmachungen reproduzieren können, drucken wir nicht.

Das betrifft nicht nur Kleinaufträge

Die Rahmenvereinbarung über F5-Produkte aus der Tabelle oben ging im Oktober 2025 mit einem einzigen Angebot an Computacenter. Das Schwachstellenmanagement für den Bund folgte im November 2025, ebenfalls mit einem einzigen Angebot, an Greenbone. Zwei Rahmenwerke dieser Größenordnung, vergeben, ohne dass ein zweites Angebot auf dem Tisch lag.

Es geht auch anders. Die Software-Entwicklungs-Rahmenvereinbarung des Auswärtigen Amts zog je Los 4, 5, 12 und 8 Angebote an. Drei Fälle belegen keine allgemeine Regel; sie zeigen die Spannweite: von offenem Wettbewerb bis zum Verfahren, in dem der Auftraggeber keine Auswahl hatte.

In der Breite ist es übrigens nicht das Großsegment, in dem am seltensten verglichen wird, sondern das Mittelfeld: Bei deutschen IT-Zuschlagsbekanntmachungen zwischen 250.000 Euro und 1 Million Euro erhielt die Hälfte genau ein Angebot (50 Prozent, 522 von 1.040 Bekanntmachungen), ab 5 Millionen Euro sind es 39 Prozent. Die vollständige Verteilung nach Wertklassen steht im Bericht.

Aus der Bieterzahl allein lässt sich die Ursache nicht ablesen

Eine naheliegende Erklärung ist technische Bindung: Wer die Bestandsumgebung betreibt, hat beim Nachfolgeauftrag einen Vorsprung, den eine Leistungsbeschreibung selten wieder einebnet. Eine zweite ist schlichte Aufmerksamkeit. In den Bieterbefragungen des BMWK-Kompetenzzentrums KOINNO sagen 39 Prozent selbst erfolgreicher Bieter, dass sie passende Ausschreibungen schwer finden, und nur 11 Prozent nutzen automatische Benachrichtigungen. Das belegt ein Auffindbarkeitsproblem, nicht, wie viele Einzelbieter-Verfahren genau daraus entstehen.

Ein Einzelbieter-Zuschlag ist deshalb selten ein Skandal. Er belegt zunächst nur, dass der Auftraggeber in diesem Verfahren keine Auswahl hatte. Oft dürfte er das Protokoll eines Gesprächs sein, das nur einer geführt hat, lange bevor die Ausschreibung erschien.

Was das für Anbieter bedeutet

Erstens: Die Angst vor zwanzig Mitbewerbern findet in den gemessenen Daten keine Stütze. Bei vier von zehn bezuschlagten Losen deutscher IT-Vergaben lag kein zweites Angebot auf dem Tisch. Zweitens: Diese Verträge laufen aus, Rahmenvereinbarungen sind in der Regel auf höchstens vier Jahre begrenzt. Eine Einzelbieter-Vergabe von heute steht damit in wenigen Jahren wieder an, bei einem Auftraggeber, der beim letzten Mal keine Auswahl hatte. Wer diese Verträge kennt und den Auftraggeber anspricht, bevor die Neuausschreibung geschrieben wird, tritt dort an, wo der Wettbewerb am dünnsten ist.

Wie Sie diese Verträge finden, mit Quellen und Rechenweg, steht im Ratgeber über auslaufende IT-Verträge der öffentlichen Hand. Tendervane zeigt sie als fertiges Radar, mit Auftraggeber, aktuellem Auftragnehmer und geschätztem Zeitfenster in jedem Dossier.

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