Datenanalyse · Juli 2026
Die Hälfte der deutschen Ein-Angebots-Lose stammt aus Verfahren ohne vorherigen Aufruf zum Wettbewerb
Geschrieben von Ravid Efroni, Gründer von Tendervane · aktualisiert 17. Juli 2026
1.756 der 3.345 deutschen IT-Lose mit genau einem gemeldeten Angebot entfallen auf Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf zum Wettbewerb, also 52,5 Prozent. Die viel zitierte Ein-Angebots-Quote fasst damit rechtlich und wirtschaftlich verschiedene Beschaffungswege zu einer Zahl zusammen. Stand: 17. Juli 2026.
Diese Analyse ergänzt unseren Datenbericht zur Ein-Angebots-Quote um eine Aufschlüsselung nach dem in eForms gemeldeten Verfahrenscode. Datenbestand, Stichtag und Methode sind identisch. Die Kennzahl von 40,5 Prozent bleibt unverändert; die Aufschlüsselung begrenzt jedoch, was sich aus ihrem Niveau als Wettbewerbsindikator ableiten lässt.
Der Befund
Von 8.254 ausgewerteten Losen melden 3.345 genau ein eingegangenes Angebot. Verteilt man diese Lose auf die in der Bekanntmachung angegebene Verfahrensart, entfällt gut die Hälfte auf eine einzige Verfahrensart.
| Verfahrensart | Lose insgesamt | Lose mit genau 1 Angebot | Ein-Angebots-Quote innerhalb der Verfahrensart |
|---|---|---|---|
| Offenes Verfahren | 4.463 | 1.120 | 25,1 % |
| Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf zum Wettbewerb | 1.940 | 1.756 | 90,5 % |
| Verhandlungsverfahren mit vorherigem Aufruf zum Wettbewerb | 1.508 | 354 | 23,5 % |
| Nicht offenes Verfahren | 173 | 36 | 20,8 % |
| Ohne Verfahrensangabe in der Bekanntmachung | 80 | 33 | 41,3 % |
| Übrige Verfahrensarten | 90 | 46 | 51,1 % |
Quelle: Tendervane · Bekanntmachungsservice des Bundes (eForms) · Stand 17. Juli 2026. Die Spalte "Anteil" ist der Anteil der Lose dieser Verfahrensart, die genau ein Angebot melden.
Der eForms-Code „neg-wo-call“ bezeichnet ein Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf zum Wettbewerb; im deutschen Vergaberecht ist dafür der Begriff Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb gebräuchlich. Er sagt nicht, ob und wie viele Unternehmen zur Angebotsabgabe aufgefordert wurden. Die Quote von 90,5 Prozent beschreibt ausschließlich, wie häufig für die Lose dieser Gruppe genau ein Angebot gemeldet wurde.
Unter „Übrige Verfahrensarten“ sind zusammengefasst: oth-single (52 Lose), oth-mult (19), comp-dial (13) sowie vier Lose aus Verfahren nach US-Regelwerk.
Was dieser Befund nicht sagt
Ein gemeldetes Angebot bleibt ein gemeldetes Angebot. Diese Auswertung entwertet keine einzige der Zahlen aus den Bekanntmachungen, und sie sagt nichts darüber aus, ob ein Wettbewerb gescheitert ist.
Sie sagt auch nichts darüber, wie viele Unternehmen tatsächlich angesprochen wurden. Ein Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf kann sich an ein Unternehmen richten oder an mehrere. Das Datenfeld gibt darüber keine Auskunft, und wir tragen hier nichts nach, was die Bekanntmachung nicht hergibt.
Belastbar ist genau eine Aussage: Die Kennzahl fasst rechtlich verschiedene Wege zusammen, und wer sie als Wettbewerbsindikator liest, sollte wissen, in welchem Verhältnis diese Wege darin stehen.
Was die Zusammensetzung erklärt, und was nicht
Naheliegend wäre die Vermutung, der im Bericht ausgewiesene Rückgang der Gesamtquote entstehe vor allem daraus, dass der Anteil der Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf schrumpft. Wir haben das nachgerechnet, und die Vermutung trägt nicht.
| Zuschlagsjahr | Alle Verfahren: Quote (Lose) | Ohne neg-wo-call: Quote (Lose) | Anteil neg-wo-call an allen Losen |
|---|---|---|---|
| 2024 | 42,2 % (3.295) | 26,4 % (2.486) | 24,6 % |
| 2025 | 39,7 % (3.415) | 24,3 % (2.637) | 22,8 % |
| 2026 (vorläufig) | 38,7 % (1.544) | 24,4 % (1.191) | 22,9 % |
Quelle: Tendervane · Bekanntmachungsservice des Bundes (eForms) · Stand 17. Juli 2026. 2026 ist ein laufendes Jahr und bis zum 17. Juli 2026 ausgewertet, die Werte sind vorläufig.
Zwischen 2024 und dem vorläufigen Stand bis zum 17. Juli 2026 sank die Gesamtquote um 3,45 Prozentpunkte. Eine symmetrische Zwei-Gruppen-Zerlegung in Lose mit dem eForms-Code „neg-wo-call“ und alle übrigen Lose ordnet 1,07 Prozentpunkte, rund 31 Prozent der Veränderung, der Verschiebung zwischen den Gruppen zu. 2,38 Prozentpunkte, rund 69 Prozent, entfallen auf Veränderungen der gruppenspezifischen Quoten. Die Zerlegung weist keine Veränderungen innerhalb einzelner Verfahrensarten nach, weil die zweite Gruppe mehrere Verfahrensarten und die Lose ohne Verfahrensangabe zusammenfasst.
Die Quote der übrigen Lose beträgt 24,3 Prozent im Jahr 2025 und vorläufig 24,4 Prozent bis zum 17. Juli 2026. Der beobachtete Unterschied von 0,1 Prozentpunkten belegt wegen des laufenden Jahres keine stabile Seitwärtsbewegung.
Für das Niveau ist die Gruppenzusammensetzung dennoch wesentlich: 2026 beträgt die Gesamtquote vorläufig 38,7 Prozent; ohne Lose mit dem Code „neg-wo-call“ beträgt sie 24,4 Prozent. Die Differenz von 14,3 Prozentpunkten ist ein deskriptiver Gruppenvergleich und keine Schätzung dafür, wie die Quote bei einer anderen Vergabepraxis ausgefallen wäre.
Methode, Nenner und was wir geprüft haben
Grundgesamtheit sind deutsche IT-Zuschlagsbekanntmachungen mit einem Haupt-CPV aus den Abteilungen 48 oder 72, Zuschlagsdatum ab Januar 2024, Stand 17. Juli 2026. Quelle ist der Bekanntmachungsservice des Bundes im eForms-Format. Gezählt wird auf Losebene, weil die Angebotszahl je Los gemeldet wird. Die Verfahrensart stammt aus derselben Bekanntmachung wie die Angebotszahl.
| IT-Zuschlagsbekanntmachungen im Zeitraum (Haupt-CPV 48/72) | 8.666 |
| davon mit Angebotszahl auf mindestens einem bezuschlagten Los | 6.732 |
| ausgewertete bezuschlagte Lose | 8.254 |
| davon Lose mit genau einem eingegangenen Angebot | 3.345 |
| davon aus Verhandlungsverfahren ohne vorherigen Aufruf | 1.756 |
Ein offengelegter Nenner genügt nicht; ebenso offenzulegen sind mögliche Zuordnungs- und Abdeckungsfehler. Deshalb hier die vier Fragen, die diese Auswertung kippen könnten, und was die Prüfung ergeben hat.
- Wird eine Bekanntmachung doppelt gezählt?
- Nein. 8.666 verschiedene Bekanntmachungsnummern, keine davon durch mehr als einen Zuschlagsdatensatz belegt.
- Kann die Verfahrensart einem falschen Los zugeordnet werden?
- Nein. Von 6.732 ausgewerteten Bekanntmachungen tragen 610 mehrere Lose, und keine einzige trägt mehr als eine Verfahrensart. Die Zuordnung kann deshalb nicht über Lose hinweg verrutschen.
- Wie viele Lose haben gar keine Verfahrensangabe?
- 80 von 8.254, also 0,97 Prozent. Sie stehen als eigene Zeile in der Tabelle und werden nicht stillschweigend einer Verfahrensart zugeschlagen.
- Fehlen Bekanntmachungen im Cache?
- Keine. Alle 8.666 lagen zum Stichtag als amtliches XML vor.
Die Kernzahlen 8.254, 3.345 und 1.756 sowie die Jahreszellen hinter der Zerlegung sind in Prüfschritt B6 von verify-data-truth gepinnt; die Zerlegung selbst wird mit report-de-shiftshare reproduziert. Beide Prüfungen wurden am 25. Juli 2026 gegen den auf den 17. Juli 2026 abgegrenzten Datenbestand ausgeführt. Bewegt sich einer der Werte, schlägt die Prüfung fehl, bevor die Zahl erneut zitiert wird. Korrekturen an veröffentlichten Zahlen protokollieren wir mit Datum unter Genauigkeit und Korrekturen.
Zitieren
Tendervane (2026): Verfahrensarten hinter der Ein-Angebots-Quote in der öffentlichen IT. Auswertung deutscher eForms-Zuschlagsbekanntmachungen, Stand 17. Juli 2026.
Übernahme der Zahlen und Tabellen mit Quellenangabe ausdrücklich erwünscht. Rückfragen beantworten wir schriftlich und zitierfähig. Eine Gastanalyse ist möglich.
Tendervane zeigt, welche öffentlichen IT-Verträge in den nächsten 6 bis 18 Monaten auslaufen, wer sie heute hält und was in der Bekanntmachung steht. Auftraggeber, Auftragnehmer, Wert und Zuschlagsdatum sind Fakten aus der Bekanntmachung. Das erwartete Ende ist immer eine gekennzeichnete Schätzung.
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