Datenrecherche · Juli 2026

Der 1-Cent-Auftragswert: Was deutsche IT-Zuschläge zum Preis nennen, und was nicht

Geschrieben von Ravid Efroni, Gründer von Tendervane · aktualisiert 31. Juli 2026

In den Zuschlagswert-Feldern deutscher IT-Vergabebekanntmachungen steht 752-mal als Betrag genau ein Cent. Wir haben das amtliche XML aller 7.051 kanonischen deutschen IT/Software-Zuschlagszeilen der Jahre 2024 und 2025 aus dem Bekanntmachungsservice des Bundes geprüft: Was steht in den Wertfeldern des Ergebnisses, wie oft ist ein Wert ausdrücklich als geheimhaltungsbedürftig markiert, und wie oft fehlt er ohne Erklärung. Das Ergebnis: 54,8 Prozent der Zeilen enthalten in den geprüften Wertfeldern weder einen Zuschlagswert noch einen Höchst- oder Schätzwert, und mehr als drei Viertel dieser Zeilen tragen keinen Geheimhaltungsvermerk für die Zuschlagswert-Felder, der das Fehlen erklären würde.

54,8 %

der 7.051 Zeilen enthalten weder Zuschlagswert noch Höchst- oder Schätzwert (3.865)

77,5 %

davon ohne Geheimhaltungsvermerk für die Zuschlagswert-Felder (2.996 Zeilen)

752 ×

steht in Zuschlagswert-Feldern als Betrag genau 0,01 Euro

60,8 → 48,9 %

Zeilen ohne substanzielle Wertangabe: 2025 lag der Anteil niedriger als 2024

Was eine Zuschlagszeile zum Preis enthält

Jede geprüfte Zeile fällt in genau eine von vier Klassen. Entweder nennt das Ergebnis einen Zuschlagswert über einem Euro, also den Gesamtwert des Ergebnisses oder den Wert des Gewinnerangebots: das ist bei 2.085 Zeilen der Fall (29,6 Prozent). Oder es nennt nur den Höchstwert einer Rahmenvereinbarung oder eine Schätzung, aber keinen Zuschlagswert: 1.101 Zeilen (15,6 Prozent). Ein deklarierter Höchstwert ist eine echte Angabe, aber er ist kein Preis: Er sagt, was höchstens abgerufen werden darf, nicht, was der Zuschlag wert ist. Oder die geprüften Wertfelder enthalten ausschließlich Beträge von einem Euro oder weniger: 1.257 Zeilen (17,8 Prozent). Oder sie enthalten gar keinen Betrag: 2.608 Zeilen (37,0 Prozent). Die letzten beiden Klassen zusammen sind unsere Messgröße: keine substanzielle Wertangabe in den geprüften Wertfeldern, 3.865 von 7.051 Zeilen (54,8 Prozent).

Was eine Zuschlagszeile zum Preis enthält

Alle 7.051 kanonischen deutschen IT-Zuschlagszeilen 2024-2025, klassifiziert am amtlichen XML

20242024, Zuschlagswert genannt: 965 von 3.509 Zeilen2024, nur Höchstwert/Schätzung: 410 von 3.509 Zeilen2024, nur Beträge ≤ 1 Euro: 607 von 3.509 Zeilen2024, kein Betrag in geprüften Feldern: 1.527 von 3.509 Zeilenohne substanzielle Wertangabe: 2.134 von 3.509 (60,8 %)20252025, Zuschlagswert genannt: 1.120 von 3.542 Zeilen2025, nur Höchstwert/Schätzung: 691 von 3.542 Zeilen2025, nur Beträge ≤ 1 Euro: 650 von 3.542 Zeilen2025, kein Betrag in geprüften Feldern: 1.081 von 3.542 Zeilenohne substanzielle Wertangabe: 1.731 von 3.542 (48,9 %)Zuschlagswert genanntnur Höchstwert/Schätzungnur Beträge ≤ 1 Eurokein Betrag in geprüften FeldernQuelle: Tendervane · Bekanntmachungsservice des Bundes (eForms-DE) · Stand 31. Juli 2026

Zuschlagswert = Betrag über 1 Euro in einem Zuschlagswert-Feld (BT-161 Gesamtwert oder BT-720 Angebotswert). Höchstwert/Schätzung = ausschließlich Rahmenvereinbarungs-Höchstwert (BT-709 und verwandte Felder) oder Schätzwert vorhanden. Kein Betrag = kein Betrag in diesen geprüften Kontexten; andere Feldarten wie Angebotsspannen prüft die Klassifikation nicht. Zählweise je Bekanntmachungszeile, nicht je Vertrag und nicht je Ausgabe.

In den untersuchten Zeilen lag der Anteil ohne substanzielle Wertangabe 2025 niedriger als 2024: 48,9 gegenüber 60,8 Prozent. Das ist eine Bewegung in Richtung Transparenz, und sie lässt trotzdem knapp die Hälfte der Zeilen ohne bezifferbaren Wert.

Markiert ist die Ausnahme

Der eForms-Standard sieht für nicht veröffentlichte Werte einen ausdrücklichen Weg vor: einen Geheimhaltungsvermerk am jeweiligen Feld, mit Begründungscode und, optional, einem Datum, zu dem der Wert nachveröffentlicht wird. Für die beiden Zuschlagswert-Felder tragen von den 3.865 Zeilen ohne substanzielle Wertangabe 869 mindestens einen solchen Vermerk. Bei 2.996 Zeilen, 77,5 Prozent, fehlt ein Vermerk für die Zuschlagswert-Felder. Aus dem Fehlen eines Vermerks folgt nicht, dass die Veröffentlichung rechtswidrig wäre; es heißt nur, dass der maschinenlesbare Weg, das Fehlen zu erklären, für diese Felder nicht genutzt wurde.

Wo Vermerke an den Zuschlagswert-Feldern gesetzt sind, dominiert ein Begründungscode deutlich: eo-int, sinngemäß Geschäftsinteressen eines Wirtschaftsteilnehmers“, 1.288-mal, gefolgt von oth-int (sonstiges öffentliches Interesse, 318), fair-comp (fairer Wettbewerb, 95), law-enf (Rechtsdurchsetzung, 24) und rd-ser (Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen, 16); die deutschen Bezeichnungen sind sinngemäße Übersetzungen der englischen eForms-Codeliste. Bemerkenswert ist auch die Gegenrichtung: 186 Zeilen tragen einen Vermerk mit einem künftigen Veröffentlichungsdatum. Dort ist die Zurückhaltung ausdrücklich befristet; der Wert soll später öffentlich werden.

Das Cent-Muster

Ein eigenes Phänomen sind Wertfelder, in denen ein Betrag steht, der offensichtlich kein Preis ist. In den Zuschlagswert-Feldern aller 7.051 Zeilen fanden wir 2.008 Betragsangaben von höchstens einem Euro: am häufigsten exakt ein Euro, exakt ein Cent und exakt null. Beträge bis einschließlich einem Euro behandeln wir operational als Platzhalter; dass im Einzelfall ein symbolischer realer Preis gemeint ist, lässt sich nicht ausschließen. In der Summe bleibt ein Feld, das 0,01 Euro meldet, für jede Auswertung von außen ohne Aussagekraft.

Was in Zuschlagswert-Feldern als Kleinstbetrag steht

Betragsangaben bis 1 Euro in Zuschlagswert-Feldern (BT-161/BT-720), alle 7.051 Zeilen 2024-2025

1,00 Euro1,00 Euro: 878 Betragsangaben878×0,01 Euro0,01 Euro: 752 Betragsangaben752×0,00 Euro0,00 Euro: 353 Betragsangaben353×0,10 Euro0,10 Euro: 23 Betragsangaben23×0,02 Euro0,02 Euro: 2 Betragsangaben2×Gezählt werden Betragsangaben in Zuschlagswert-Feldern (BT-161/BT-720) über alle 7.051 Zeilen; eine Bekanntmachung kann mehrere enthaltenQuelle: Tendervane · Bekanntmachungsservice des Bundes (eForms-DE) · Stand 31. Juli 2026

Gezählt werden Betragsangaben, nicht Zeilen; eine Bekanntmachung kann mehrere enthalten (insgesamt 2.008 Angaben). Schreibvarianten desselben Betrags ("1", "1.00", "1.0") sind zusammengefasst.

Es geht auch anders

Die nationale Quote ist kein Naturgesetz, und das lässt sich innerhalb derselben Daten zeigen. Wir haben alle 39 Käuferbezeichnungen mit mindestens 20 Zeilen im Untersuchungszeitraum nach dem Anteil der Zeilen mit echtem Zuschlagswert eingeteilt, in vier vorab festgelegte Bänder: 27 von 39 liegen bei höchstens 10 Prozent, 7 über 10 bis 50 Prozent, 4 über 50 bis 90 Prozent, und eine einzige über 90 Prozent. Die Verteilung ist der Befund: Wie oft ein Zuschlagswert veröffentlicht wird, variiert stark zwischen den im Datenbestand getrennt geführten Käuferbezeichnungen.

Die eine Stelle über 90 Prozent ist die BG-Phoenics GmbH, IT-Dienstleister der gesetzlichen Unfallversicherung: 52 ihrer 56 Zeilen nennen einen Zuschlagswert (92,9 Prozent), und keine einzige ihrer Zeilen bleibt in den geprüften Wertfeldern ohne jede Angabe.

Die Käufer am anderen Ende der Verteilung nennen wir bewusst nicht: Ohne ihre Stellungnahme lässt sich aus einer niedrigen Quote nicht schließen, warum sie niedrig ist. Denkbar sind auch strukturelle Gründe, etwa ein hoher Anteil an Rahmenvereinbarungen mit Miniwettbewerben oder zentrale Veröffentlichungsroutinen. Die Bänderverteilung selbst ist davon unberührt.

Was dieser Befund zeigt, und was nicht

Diese Auswertung zählt Zeilen aus Zuschlagsbekanntmachungen, keine Verträge und keine Ausgaben. Ein fehlender Wert in den geprüften Feldern bedeutet nicht, dass kein Wert vereinbart wurde oder kein Geld geflossen ist, und er belegt keine Rechtsverletzung: Das Vergaberecht kennt legitime Gründe, einen Wert nicht zu veröffentlichen, und der eForms-Standard bildet sie ausdrücklich ab. Der Befund ist ein anderer: Der vorgesehene Weg, ein Fehlen zu begründen, wird bei den Zuschlagswert-Feldern in mehr als drei von vier Fällen nicht genutzt, und die Veröffentlichungspraxis variiert zwischen Käuferbezeichnungen um ein Vielfaches. In gut der Hälfte der untersuchten Bekanntmachungszeilen fehlt nach dieser Definition eine substanzielle Wertangabe; der Preis ist dort von außen nicht bezifferbar.

Methode

Grundgesamtheit: alle 7.051 kanonischen deutschen IT/Software-Zuschlagszeilen im Tendervane-Datenbestand mit Zuschlagsdatum vom 1. Januar 2024 bis 31. Dezember 2025 und Veröffentlichung bis 31. Juli 2026 (Quelle: Bekanntmachungsservice des Bundes, eForms-DE; Duplikate über die dokumentierte Kanonisierung entfernt). Für jede Zeile wurde das amtliche XML geprüft; es lag für alle Zeilen vor. Als Zuschlagswert zählt ein Betrag über einem Euro in einem Zuschlagswert-Feld: Gesamtwert des Ergebnisses (BT-161) oder Wert des Gewinnerangebots (BT-720). Höchstwerte von Rahmenvereinbarungen (BT-709 und verwandte Felder im Ergebnisblock) und Schätzwerte werden getrennt ausgewiesen und zählen weder als Zuschlagswert noch als fehlende Angabe. Die Klasse „kein Betrag“ bezieht sich auf genau diese geprüften Kontexte; sonstige Feldarten, etwa Angebotsspannen, prüft die Klassifikation nicht. Geheimhaltungsvermerke wurden über die eForms-FieldsPrivacy-Struktur erfasst, einschließlich Begründungscode und angekündigtem Veröffentlichungsdatum; die veröffentlichte Aufteilung zählt ausschließlich Vermerke, deren Feldkennung die beiden Zuschlagswert-Felder bezeichnet (win-ten-val, not-val).

Prüfprotokoll: 74 Zeilen, in denen unsere Datenbank keinen Wert führte, obwohl das XML einen Zuschlagswert enthält, wurden identifiziert und zählen hier als das, was im XML steht (die Klassifikation liest ausschließlich das amtliche XML, nicht unsere Datenbank). 2 Zeilen nennen Werte in anderer Währung. Die Bänder-Einteilung (39 Käuferbezeichnungen mit mindestens 20 Zeilen; Bandgrenzen 10, 50 und 90 Prozent) und die Regel, nur Käufer im obersten Band namentlich zu nennen, wurden vor der Berechnung festgelegt. Käuferbezeichnungen sind die im Datenbestand getrennt geführten kanonischen Namen; eine vollständige Organisations-Zusammenführung über Namensvarianten hinweg erfolgte nicht. Der öffentliche Belegdatensatz enthält je Zeile Bekanntmachungsnummer, Quelle, Daten, Klassifikation, Beträge, Vermerke und den amtlichen Link; er enthält bewusst keine Käufernamen, weil eine herunterladbare Namenstabelle ohne Stellungnahmeverfahren einer Negativ-Rangliste gleichkäme. Jede Zeile lässt sich über den amtlichen Link vollständig nachprüfen. Auswertungsskript: scripts/report-de-price-opacity.ts im Tendervane-Repository.

Zum Weiterlesen

Die Preisfrage ist die zweite Hälfte eines größeren Musters. Die erste steht in unserer Recherche Wie Software-Abhängigkeit zum Vergabegrund wird: 137 IT-Zuschläge ohne vorherigen Aufruf zum Wettbewerb, von denen 97 ebenfalls keinen nutzbaren Auftragswert nennen.

English summary

Tendervane examined the official eForms XML of all 7,051 canonical German IT/software award-notice rows with award dates in 2024-2025. 54.8% contain neither an award value (an amount above EUR 1 in BT-161 notice value or BT-720 winning tender value) nor a framework ceiling or estimate in the inspected fields; a further 15.6% publish only a ceiling or estimate. Of the 3,865 rows without any substantive value indication, 77.5% carry no non-publication marker for the two award-value fields, although eForms provides one, including a reason code and an optional deferred publication date (186 rows use that date). Award-value fields contain the amount EUR 0.01 exactly 752 times. The no-substantive-value rate was lower in 2025 (48.9%) than 2024 (60.8%). Distribution is highly uneven: of 39 buyer designations with at least 20 rows, 27 publish an award value in at most 10% of rows, one in over 90% (BG-Phoenics GmbH, 52 of 56). The analysis counts award-notice rows, not contracts or spending, and makes no legality claims; missing markers are an observation, not an accusation. The public row-level CSV carries publication IDs and official links but no buyer-name column (no comment round was conducted, so no negative naming anywhere). Methodology and aggregates (CC BY 4.0) are above. As of 31 July 2026.

Die Auswertung ist offen; der Radar dahinter ist unser Produkt: welche Verträge auslaufen, wer sie hält, wann sich das Fenster vor der nächsten Ausschreibung öffnet.